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Feuilleton

Alles Fisch

"Sie machen es mir aber auch nicht leicht, meine Wahl-Landsleute, sie gegenüber Vorwürfen von Beschränktheit und klingelnder Doofheit zu verteidigen," schreibt Konstantin Klein. "Jetzt haben die Kantinenaufseher des US House of Representatives in einem Anfall von Dumpfsinn beschlossen, daß French Fries (amerikanisch für Fritten) künftig nicht mehr nach dem Erzfeind in Europa heißen sollen, sondern Freedom Fries (Freiheitsfritten). Desgleichen soll der sogenannte French Toast (dem im Zweifelsfall jeder halbwegs ehrliche Franzose ohnehin mit Abscheu und Empörung von sich weisen würde) künftig Freedom Toast heißen. Sie haben offensichtlich keine wirklichen Probleme, da oben auffem Capitolshügel."

erreicht uns die Alternative über die wunderbare Seite Produkt der Woche - die Rotweinlutschtablette, leider ohne Kaufquelle ;-)

Ein Vielfraß setzte sich zu Tisch.
Man brachte ihm, wie er befahl,
Den schönsten Stör. Ein Riesenfisch!
Für einen Mann ein tüchtig Mahl.
Er fährt drauf los, er kaut und schmatzt;
Schon ist er fertig bis zum Kopf.
Da hält er ein, sein Magen platzt.
Man rennt zu Hilf dem armen Tropf,
Man macht Klistiere ohne End -
Umsonst! Dem Kranken wird nicht besser.
Man mahnt ihn an sein Testament.
"Geliebte Freunde", sprach der Fresser,
"Ich bin gefaßt. Wohlan, es sei!
Doch eilt und bringt, da es ja doch
Zu Ende geht, mir schleunigst noch
Den Rest von meinem Fisch herbei!"

jean de la fontaine (1621 - 1695)
Gefunden bei freitags fish

Axel Hacke, Edelfeder der Süddeutschen Zeitung, schreibt im Magazin der SZ über die Lektüre von "Bonnes Vacances – Zeitschrift für VIP-Reisen". Ergebnis: "Bonnes-Vancances-Leute reisen mit 80 Wörtern um die Welt. Faszinierend, wunderschön, herrlich, farbenprächtig, stimmungsvoll, wunderbar, verträumt – das sind so die wichtigsten. Zwischen ihnen baumelt die Seele, immerzu baumelt irgendwo eine gottverdammte Seele! Wer hängt bloß überall Seelen hin, dass sie so baumeln!?"
Man kann den Beitrag natürlich im Heft lesen, aber auch online. Während der aktuellen Woche funktioniert das so, aber danach fürs Archiv muss man sich zuvor angemelden (kostet nicht, und ist nach meinen Erfahrungen auch noch nicht missbraucht worden).

In Dresden gibt es ein Warenhaus, das war zu DDR-Zeiten ein Centrum-Warenhaus und mutierte dann nach der Wende zum Karstadt. Schräg gegenüber baute dann (weiß nicht mehr wann) Hertie ein superneues Warenhaus. Doch dann heiratete Herr Karstadt die Frau Hertie und beschloss: Wir gehen in das im Bau befindliche neue Haus, weil das natürlich schöner ist, und unser altes Domizil wird ein Hertie. So geschah es auch.
Im Karstadt, dann Hertie, gab es die einzig gute Lebensmittelabteilung in Dresden. Sagten jedenfalls die Wessis in Dresden, und die mussten es ja wissen. So wurde der Keller von Karstadt/Hertie zum Treff der Wessis, vor allem am späten Nachmittag und am Samstag.
Irgendwann verschwand Hertie von der Bildfläche des Konzerns, die Schilder am Centrum/Karstadt/Hertie-Warenhaus wurden ausgewechselt: Karstadt stand wieder dran. Die Lebensmittelabteilung blieb. Immer gut, leider auch immer noch die einzige, alle anderen Einkaufsquellen für Feinschmecker blieben eher zu vernachlässigen.
Im August 2002 kam die Flut, und zwar beliebte die Weißeritz durch die Prager Straße zu toben und füllte die Keller. Das Aus der Lebensmittelabteilung.
Da alle Keller voll gelaufen waren, sahen sie alle gleich desolat aus, und nun beschloss man: Die neue Lebensmittelabteilung wird noch schöner und weltstädtischer, und dann gehört sie natürlich ins neuere Karstadt-Welthaus und nicht ins olle Karstadt am Dönerstand.
Gestern nun war Eröffnung. Tausende Gourmets, berichtet die Sächsische Zeitung, stürmen Karstadt. Na klar: Die haben alle sechs Monate nicht gewusst, wo sie die anderen treffen sollten und mussten immer ausgehen, weil sie ja sonst nirgendwo einkaufen konnten!
Voll also war's am ersten Tag, auch am zweiten und wohl erst recht am Wessi-Einkauf-Samstag-Vormittag. Die üblichen Verdächtigen am Champagnerstand, an Fisch- und Käsetheke, im Bioprodukte-Areal, beim Fleisch. Toll.
Und keine Gefahr für mögliche kleine Spezialitätenläden: Bei den Preisen kann auch jeder Gemüse-, Fisch,- Käse-, Feinkosthändler seine Schnitte machen...

"Hier ist Ihre Suppe!
Und hier Ihre Suppe.
Für Sie den Salat...
... und für Sie die Suppe. Guten Appetit!"
Wir waren also zu viert in der Gartenstadt Hellerau vor den Toren Dresdens in einem Restaurant mit Anspruch.

Rudolf und Birgit hatten eine Weißkohl-Orangensuppe bestellt, ich die Apfel-Linsensuppe – denn Birgit und ich bestellen prinzipiell Unterschiedliches, damit wir vom jeweils anderen Teller naschen können.

Nach einiger Zeit kam die Bedienung und servierte die Suppen. Wir probierten – lecker! Nur: Meine Linsensuppe schmeckte so sehr nach Orange und so wenig nach Linsen, dass ich stutzte und von Birgits Teller naschte. Die Suppe schmeckte wie meine, und damit nahm das Unheil seinen Lauf.

Es gelang mir, die Service-Fachkraft an den Tisch zu locken. "Ich glaube, ich habe die falsche Suppe, das ist keine Apfel-Linsensuppe..." – "Die haben Sie ja auch nicht bestellt: Ich weiß es ganz genau, Sie wollten die Weißkohl-Orangensuppe!" Ich versuchte zu dementieren, aber vergeblich: "Ich habe sogar nochmal nachgefragt!" Na gut, wenn das so ist. Immerhin bot die Dame an, mir die von mir gewünschte Apfel-Linsensuppe zu bringen.

Als sie fort war, grinste Rudolf uns an: "Ich habe Deine Suppe, schmeckt gut! Die gebe ich nicht ab…" Meine Ersatzursprungswunschsuppe kam, die Bedienung ging. Und kam kurz darauf wieder, schnurstracks Rudolf im Visier, der soeben den letzten Happs seiner-meiner Suppe gelöffelt hatte. "Sie haben die Apfel-Linsensuppe gegessen!" raunte sie ihn an, im genüsslichen Tonfall von Ah-da-haben-wir-den-Schuldigen!

Und ging.

Und entschuldigte sich nicht.

Und wunderte sich am Ende des Abends, statt zehn Prozent Trinkgeld nichts zu bekommen.